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Tick-Tack
Kirchturmuhren machen zwar nicht Tick-Tack wie eine Küchenuhr, die nur den Familienmitgliedern die Zeit anzeigt, sondern auch der ganzen weiteren Umgebung des Gotteshauses; sie zeigen akustisch alle Stunden an und lassen die Glocken erschallen und das Tag und Nacht; nicht nur stündlich auch dazwischen. Einmal «Büm-bä-bäm» heisst eine Viertelstunde nach einer geraden Stunde – es gibt auch Kirchturmuhren, die bei Viertelstundenansagen nur «Bä-Bäm» machen –, zweimal «Büm-bä- bäm» heisst zwei Viertelstunden oder im Volksmund «halbi», dreimal «Büm-bä-bäm» heisst «Viertelvor» eins usw. So weiss man immer, wie spät es ist: Vor allem nachts ist das wichtig, weil Kirchturmuhren meist nicht beleuchtet sind. Also wenn es nachts zum Beispiel dreimal «Büm-Bä-Bäm» von der nahe gelegenen Kirche erschallt, weiss ich, es ist Viertelvor. Ob viertel vor eins, viertel vor drei oder viertel vor fünf, weiss ich zwar nicht, aber ich kann ja schnell die Nachttischlampe anklicken und auf die Uhr schauen, die liegt nachts immer auf dem Nachttischchen. Die Hartgesottenen, die Schwerhörigen oder ganz schlimm, die sich für die nächtliche Zeitangabe aus religiösen oder nostalgischen Gründen stark machen und deshalb ob dem «Büm-Bä-Bäm» nicht aufwachen, wissen also nie, wie spät es ist. Geniessen können diese heimatlichen Klänge nur die, die sich ärgern und deshalb immer mal wieder aufwachen (möglich ist höchstens, dass die einmal bei einem «viertelnach» nicht erwachen.) Die Aufwachenden also – nicht zu verwechseln mit den Auferweckten – sind dann meist Atheisten und oder solche, die zumindest aus der Kirche ausgetreten sind, was nichts anderes heisst, als dass sie für die nächtliche Zeitangabe nichts bezahlen und vor lauter Ärger mehrmals in der Nacht ob dem Gebimmel aufwachen. Kirchensteuer zahlen diejenigen, die wegen ihres Nichtaufwachens nicht in den Genuss der akustischen Zeitansage kommen.
Tagsüber ist das gerechter, weil zumindest die Viertelstundenanzeigenden heimatlichen Klänge oft vom Verkehrslärm zugedeckt werden und man nur noch das Siebenuhrjeden Tag oder das sonntägliche Läuten, das zum Gottesdienst ruft, wahrnehmen kann. 
Zum Glück ist es heutzutage möglich, sich eine sogenannte Kirchenuhr-App herunterzuladen, um sich so jederzeit – zum Beispiel während der Badeferien in der Türkei – mit Glockenklang die Zeit ansagen zu lassen und zwar nicht nur das «Büm-Bä-Bäm» seines Wohnortes, sondern auch dasjenige des Heimatortes. Wegen der Religionsfreiheit werden bald auch Muezzinrufe von Minaretten zum Herunterladen zur Verfügung gestellt. Bestimmt rufen wieder einige Querulanten, Agnostiker, Freidenker und Spassbremser und nicht zuletzt auch Populisten nach einer Kopfhörerpflicht.  @Hans Suter Autor

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